Bereits in der ersten Seminarsitzung klären, unter welchen Bedingungen der Dozierende / die Dozierende arbeitet

Am 26. Februar war Dr. Dr. Peter Ullrich zum Vortrag in Leipzig, einer der Mitbegründer von NGAWiss,  eine bundesweite Vernetzung von Mittelbau-Initiativen und Initiator der Kampagne „Frist ist Frust“. Im Anschluss an die von der MULE im Jahr 2017 organisierten Tagung zu Hochschulsystemen im weltweiten Vergleich an der Uni Leipzig wurde NGAWiss gegründet – eine ausführliche Darstellung zu diesem Netzwerk, verfasst von Peter Ullrich, findet sich hier.

Der Soziologe und Kulturwissenschaftler berichtete im Rahmen einer Veranstaltungsreihe von attac in der Schaubühne Lindenfels über die Arbeitsbedingen des akademischen Mittelbaus. Wer wie wir von der MULE in Hochschulpolitik engagiert ist, kennt sich mit Zahlen aus: Über 90 Prozent der Beschäftigten sind befristet angestellt, rund die Hälfte davon hat Verträge mit Laufzeiten unter einem halben Jahr und so weiter. Doch es war bedrückend, die Fakten noch einmal in geballter Form zu hören – hier ein paar „Kostproben“ und Denkanstöße.

Es gibt immer mehr Gelder für Projektförderung, und damit immer mehr wissenschaftliche Mitarbeiter*innen. Parallel dazu hat sich die Anzahl der Professuren kaum erhöht, und auch die Grundmittel pro Studierenden an den Universitäten nicht. Das heißt: der Flaschenhals, eine der unbefristeten Führungspositionen zu erlangen, wird immer enger, wie auch die Ausfinanzierung von Lehre & Co. abnimmt. Infolgedessen, so konnte Ullrich in Statistiken zeigen, entfallen pro Mittelbauler*in durchschnittlich zwölf Überstunden pro Woche, in Extremfällen sogar 40. Vollzeitstellen sind selten. Es existieren Teilzeitstellen bis hin zu einem Achtel, und selten entspricht eine solche Teilzeitbeschäftigung dem Wunsch der Beschäftigten. Hinzu kommt Pendelei, die Ullrich als „prekäre Mobilität“ bezeichnet. Oftmals sind sich die Betroffenen selbst ihrer Lage nicht bewusst und empfinden sich als eine polyglotte, urbane Bohème. Eine Folge dieser Unsicherheiten ist: 49% der Frauen und 42% der Männer haben keine Kinder – oft ungewollt.

Gerade für Frauen, Minderheiten und Personen in „weiblich codierten Tätigkeiten“ wie Lehre, Beratung und Betreuung bestehen geringere Chancen, neue Verträge zu bekommen, Zwischenfinanzierungen zu erlangen oder beruflich aufzusteigen. Anwärter für Führungspositionen rekrutieren sich nach wie vor durch eine privilegierte gesellschaftliche Oberschicht und sind mehrheitlich männlich.

Trotzdem wird laut Ullrich das Bild suggeriert, es handle sich um einen Wettbewerb um die besten Köpfe. Doch dabei gebe es in der Wissenschaft nur einen „Quasi-Arbeitsmarkt“, sanktioniert durch den Staat, in dem Feudalstrukturen wie das Lehrstuhlsystem (oder „deutsche Patronagesystem“) an der Tagesordnung seien: Denn Entwicklungen hängen an Einzelpersonen und deren Berufungsgeschick und nicht an einer strategischen Planung, wie es in einem Department-System möglich wäre. Daraus ergeben sich auch krasse Abhängigkeitsverhältnisse für die Mitarbeitenden im Mittelbau: Nicht selten ist der*die Vorgesetzte auch zugleich Betreuer*in von Qualifikationsarbeiten und Aussteller*in von Arbeitszeugnissen und Gutachten.

Es steht außer Frage, dass sich in diesem toxischen System etwas ändern muss. Allerdings – und das konnte Ullrich in seinem Beitrag zeigen: „Wissenschaft ist engagementfeindlich“. Und sich hochschulpolitisch zu engagieren, ist nicht unbedingt förderlich für die akademische Reputation. Aber: der Wind beginnt sich zu drehen. In den Medien wird verstärkt über den Mittelbau berichtet, Politiker*innen wollen etwas ändern – Stichwort Zukunftsvertrag, Evaluierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes und Nachdenken über Karrierewege neben der Professur.

Und: Eine weitere Gruppe von Verbündeten befindet sich direkt „vor“ dem Mittelbau: die Studierenden! Sie engagieren sich oft für ihre Lehrkräfte. Peter Ullrich hat zum Abschluss einen Vorschlag parat: Bereits in der ersten Seminarsitzung klären, unter welchen Bedingungen der Dozierende arbeitet. So kann man ein Bewusstsein bei Studierenden schaffen, das vielleicht zu deren Unterstützung führt. Und: sich in Mittelbauinitiativen engagieren!

 

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